Tourismuswirtschaft steht das Wasser bis zum Hals

Veröffentlicht: Mittwoch, 29. April 2020, 09:03 Uhr

Tourismuswirtschaft steht das Wasser bis zum Hals

Verkennt das Land Brandenburg den Ernst der Lage in der Tourismuswirtschaft?" Das fragt Peter Heydenbluth, Präsident der Industrie- und Handelskammer Potsdam, federführend für die Brandenburger IHKs. Aussagen, wie von Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach, dass es für manche Tourismus-Unternehmen möglicherweise besser sei, die ganze Saison ausfallen zu lassen, hätten zu größtem Unmut sowie zu Unverständnis in der Wirtschaft geführt. "Mit welchem Geld soll denn jemand sanieren, wenn er ein Jahr lang keine Einnahmen hat? So etwas kann kein Unternehmen überleben", so der IHK-Präsident.

IHK: "Verkennt das Land den Ernst der Lage in der Tourismuswirtschaft?"

Anlass der Verärgerung einer ganzen Branche sind aktuelle Äußerungen des Wirtschaftsministers, die in einem Presse-Interview erschienen sind. Darin wird Unternehmen u.a. nahegelegt, anstatt des Geschäftsbetriebs während der Schließung notwendige Sanierungs- und Baumaßnahmen vorzunehmen. "Das wird es so nicht geben. Die gut gedachten Soforthilfen, über die jetzt bundesweit gestritten wird, haben kurzfristig geholfen. Aber über eine lange Zeit kann und wird das nicht hinüberretten. Auch noch so zinsgünstige Kredite reißen die regionale Wirtschaft immer tiefer in eine langfristige Verschuldung, was kein verantwortungsvoller Unternehmer zulassen kann." Deshalb, so IHK-Präsident Heydenbluth, könne es nun nur darum gehen, verantwortungsvoll und Schritt für Schritt Tourismus und Gastgewerbe wieder zuzulassen. "Das Flächenland Brandenburg ist dafür besser geeignet als jedes andere Bundesland: Weite und Abgeschiedenheit - womit das Land sonst großflächig wirbt, darf man jetzt nicht sehenden Auges ungenutzt lassen. Bei allen notwendigen Auflagen muss es möglich sein, dass Wassertourismus, Gastgewerbe, Camping und Hotels bereits zu Himmelfahrt und Pfingsten verantwortungsvoll wieder öffnen dürfen."

Um die Unternehmen abzusichern, sieht die Wirtschaft mit größter Erwartung dem vom Minister in seinem Interview angekündigten Unterstützungsprogramm des Landes entgegen. Dieses müsse der gesamten Branche von Gaststätten über Freizeiteinrichtungen bis hin zu Pensionen und Reisebüros zur Verfügung stehen, so Heydenbluth.

Ausgewählte Unternehmerstimmen, die die IHKs heute dazu erreichten, zur freien Verwendung:

Kai Frodl, Hotel Uckermark, Prenzlau: "Die Aussagen kommen einem Totenschein für meine Branche sehr nahe. Nach dem Eingriff der Politik in unsere persönlichen und wirtschaftlichen Grundrechte für die Gesundheit der Menschen unseres Landes bieten Sie uns keine Perspektiven, nein, Sie streichen sogar noch unsere Hoffnungen in den Saisonzeiten etwas Umsatz zu machen. Eine Schließung in den Herbst hinein bedeutet wahrscheinlich den Tod von ungefähr 60 Prozent in unserer Branche."

Thomas Dippe, Reisebüro Dippe, Potsdam: "Uns steht das Wasser bis zum Hals. Mit unsensiblen Aussagen und zugleich fehlenden handfesten Alternativen wird aber deutlich, wie sehr verantwortlichen Politikern immer noch ein klares Bewusstsein für die dramatischen Folgen der Corona-Pandemie auf die Reisebranche fehlt. Die Reisebranche ist im Übrigen weit mehr als Hotels und Gaststätten."

Frank Fuhrmann, Reiseclub Berlin-Brandenburg GmbH, Potsdam: "Uns Reisebus-Reiseveranstaltern werden alle Reisebusreisen bis heute verboten, und ein Ende ist nicht in Sicht. Im März und April haben wir riesige Umsatzverluste und sind zu Kundengeldrückzahlungen für stornierte Reisen verpflichtet. Den Mai werden wir noch überstehen - aber bereits im Juni wird es zu Liquiditätsengpässen kommen bis hin zu Insolvenzen. Die Scheibchenpolitik und die Hinhaltetaktik sind das eigentliche Problem für uns. Wir wissen immer nur zehn bis 14 Tage im Voraus, ob wir Reisen stornieren dürfen."

Jan Henrik Eilers, Romantik Hotel Schloss Reichenow: "Eine weitergehende Schließung der gastronomischen Betriebe oder gar ein kompletter Saisonausfall ist die bewusst in Kauf genommene Insolvenz der kleinen und mittelständischen Betriebe in Brandenburg. Schon 40 Prozent des Umsatzes würde zumindest helfen, einen Teil der Fixkosten zu decken. Unsere Mitarbeiter bis Ende des Jahres in Kurzarbeit zu schicken ist auch für diese existenzbedrohend und würde dazu führen, dass diese sich Jobs suchen, in denen sie wieder normal verdienen. Folglich verliert die Gastronomie weiter gute Fachkräfte, die wir bereits jetzt mehr als dringend benötigen. Die Branche braucht Planungssicherheit und das nicht erst in vier bis sechs Wochen, sondern jetzt."

Dirk Meier, Spreewald Resort in Burg (Spreewald), Vorsitzender des Tourismusausschusses der IHK Cottbus: "Wir müssen mit dem Virus leben und dafür sollten wir auch bereit sein nach den Erfahrungen, die wir in den letzten Wochen gesammelt haben. Wenn wir an der einen Stelle produzieren und einkaufen gehen, können wir auch essen gehen, ein Boot ausleihen oder ein Zimmer mieten. A und O sind überall das Einhalten von Abstand und der verschärften Hygienemaßnahmen. Bei Outdoor-Angeboten, Kahnfahrten und Paddelboottouren ist das steuerbar, erst recht bei Hotel und Gastronomie. Die Soforthilfe war schnell und gut, aber weitere Hilfen werden notwendig. Die Branche braucht jetzt einen klaren Fahrplan zum Restart. Dazu bedarf es mehr Mut bei politischen Entscheidungen, die auf die Lage in der Region angepasst werden müssen, um weitere Schäden abzuwenden."

Quelle: IHK Cottbus