Neue Tarifverträge für das ostdeutsche Tischlerhandwerk

Nach 19 Jahren gibt es wieder Tarifverträge für das ostdeutsche Tischlerhandwerk

Tarifverträge für das ostdeutsche Tischlerhandwerk Am 12. September wurde in der sechsten Tarifverhandlungsrunde zwischen der IG Metall und der Tarifgemeinschaft für das Tischlerhandwerk Ostdeutschland in Caputh bei Potsdam ein Verhandlungsergebnis erzielt.

Damit endet der seit fast zwei Jahrzehnten dauernde tariflose Zustand. In der gesamten Branche können bis zu 32.000 Beschäftigte in Ostdeutschland vom Tarifabschluss profitieren.

Der Tarifabschluss führt dazu, dass im Tischlerhandwerk wieder faire Einkommen und zeitgemäße Arbeitsbedingungen Einzug halten.

Das völlig neue Tarifpaket beinhaltet einen Stufenplan der Einkommen, der innerhalb der nächsten 12 Monate für Gesellen 1.958 Euro im Monat (11,25 Euro/Std) vorsieht. Bereits ab Oktober 2012 erhält ein Facharbeiter 1.840 Euro, ab Januar 2013 1.894 Euro im Monat. Gleichzeitig beträgt der Mindestlohn für Helfer 8,50 Euro pro Stunde. Die Laufzeit der Einkommensregelung endet September 2014. In einem zeitgemäßen Rahmentarifvertrag wird die Arbeitszeit von derzeit 42 auf 38,5 Stunden bis zum Jahr 2019 bei vollem Lohnausgleich abgesenkt. Innerhalb der Laufzeit wird erstmalig ein zusätzliches Urlaubsgeld in Höhe von 47 Prozent sowie ein anteiliges 13. Monatseinkommen in Höhe von 70 Prozent eines Monatseinkommens, beginnend mit je 20 Prozent, eingeführt.

Auszubildende erhalten ab Oktober 2012 rund 100 Euro mehr, somit zwischen 460 Euro im ersten Ausbildungsjahr und 699 Euro im dritten Jahr, ab Oktober 2013 zwischen 490 Euro und 744 Euro im Monat.

Die Tarifparteien haben eine Erklärungsfrist bis zum 15. Oktober 2012 vereinbart, innerhalb derer die Gremien jeder Seite zustimmen oder ablehnen können.

Die IG Metall-Verhandlungskommission schloss unmittelbar nach den Verhandlungen jegliche Nachverhandlungen aus und empfahl dem Vorstand der IG Metall die Annahme des Ergebnisses.

Zum Tarifergebnis sagte Olivier Höbel, IG Metall-Bezirksleiter von Berlin-Brandenburg-Sachsen: "Das ist ein guter Tag für das Tischlerhandwerk in Ostdeutschland. Das ist ein Ergebnis mit Augenmaß und finanziell verkraftbar. Die Tarifflucht der Arbeitgeber ist damit beendet. Das Tischlerhandwerk wird wieder zivilisiert und kehrt damit zurück zu rechtssicheren Tarifverträgen. Der Tischlerberuf ist mit den jetzt fair geregelten Arbeitsbedingungen "wieder attraktiv und zukunftsfähig."

Hintergrund:

Die fünf Landesinnungen und Fachverbände für das Tischlerhandwerk hatten die letzten gültigen Tarifverträge mit der damaligen Gewerkschaft Holz und Kunststoff (GHK) im Jahr 1993 abgeschlossen, die im Jahr 1999 mit der IG Metall fusionierte. Der Tariflohn lag im Jahr 1996 bei 10,38 Euro, den die Arbeitgeber absenkten.

Seit der Fusion der GHK mit der IG Metall hatten die Arbeitgeber im Tischlerhandwerk mit einer "christlichen Gewerkschaft" (GKH) Regelungen zur Absenkung der Einkommen vereinbart bei gleichzeitiger Ausweitung der Arbeitszeit. Bis dahin übliche tarifliche Leistungen wurde völlig abgeschafft. Im Ergebnis hatten die ostdeutschen Tischlermeister die Jahreseinkommen der Beschäftigten um rund 5.000 Euro abgesenkt. Die Gewerkschaftseigenschaft der GKH wurde inzwischen höchstrichterlich vom BAG aberkannt. Sie hatte weder Mitglieder geschweige denn Durchsetzungsmächtigkeit. Alle Tarifverträge wurden als Gefälligkeitsverträge entlarvt und damit unwirksam.

Derzeit drohen hohe mehrjährig rückwirkende Nachzahlungen der Sozialkasse für das Baugewerbe, deren allgemeinverbindlicher Tarifvertrag die Beitragspflicht für die Urlaubs- und Lohnausgleichskasse in der Bauwirtschaft auch bei Tischlereien vorsieht. Ein gültiger Tarifvertrag mit der IG Metall kann das verhindern indem sich die Tischlereien rechtssicher von reinen Monteuren abgrenzen, die nur Baufertigteile auf Baustellen einbauen und selten eigene Werkstätten betreiben oder Auszubildende haben.

Das Tischlerhandwerk zählt bundesweit mit über 200.000 Beschäftigten zum viertwichtigsten Handwerksbereich und erwirtschaftet ca. 17 Mrd. Euro. In Ostdeutschland arbeiten rund 32.000 Beschäftigte in über 6.000 Betrieben, davon ca. 4.500 in Berlin. Der Anteil der Beschäftigten mit abgeschlossener Berufsausbildung ist mit 68 Prozent deutlich höher als in der Gesamtwirtschaft (60 Prozent).

Quelle: IG Metall Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen